Run under the Sun – Hagener Volkslauf – 10 km

Ich hatte schon lange kaum Lust mehr auf den Lauf, denn spätestens, nachdem ich mir die Höhenmeterverteilung genauer angesehen hatte, war klar, dass das keine leicht Nummer wird. Es gibt dort 240 Höhenmeter und ca. 90% davon auf den ersten 5 Kilometern.
Ich kenne den Hüggel gut und auch die Wege dort und als ich mir vorstellte, das ich nach 4 anstrengenden Kilometern die größtenteils bergan gehen auf einem dieser Wege, die wirklich steil steinig und wurzelig sind, den fünften Kilometer laufend versuche zu bewältigen, wurde mir im Geiste schwarz vor Augen…
Ich habe wirklich großen Respekt davor. Das Ding ist, dass ich natürlich solche Strecken und Höhenmeter laufen kann. Aber in einem Wettkampf wird es schwer für mich, mich zurückhalten und somit wird das wohl eine ekelige Nummer für mich.

Der Lauf
Als ich morgens aufwache, sehe ich, wie große Schneeflocken an meinem Fenster vorbeitreiben… Gut, denke ich, besser, als wenn es bei diesen Temperaturen regnen würde… Man sollte erkennen und akzeptieren, was man nicht ändern kannst…

Vor Ort
Als ich in Hagen ankomme, ist es fies kalt. Der Wind hat etwas aufgefrischt und mein Handy sagt mir, dass die Temperaturen leicht gesunken sind. Na toll!
Ich selbst habe mich ziemlich eingepackt, mit Jacke und zweiter Hose über meiner langen Laufleggins, ach ja, auch meine Wollmütze leistete mir gute Dienste – es war wirklich kalt… 😏

Die Formalitäten sind schnell erledigt und ich bin erstaunt, wie wenige Leute hier vor Ort sind. Ein kleiner Lauf ok, aber so klein?
Allerdings kommen sie – die Leute – pünktlich zum Bambinilauf aus ihren Löchern. Anscheinend war ihnen einfach nur zu kalt gewesen. Die Bambinis müssen dann übrigens im Regen/Schneegestöber laufen. Die Armen.
Nach dem Bambinilauf ringe ich mich endlich dazu durch, mich meiner Kleidungsschichten zu entledigen und mich warmzulaufen.
Es klart sogar ein wenig auf und als wir 10km Läufer an der Startlinie stehen, scheint tatsächlich die Sonne. Schön.

Hier stehen erstaunlich viele Läufer/innen am Start. Vor allem, wenn man bedenkt wie wenig Werbung für diesen Lauf gemacht wurde.

Start
Am Start sehe ich ein bekanntes Gesicht (also bekannt im Sinne von, wenn der am Start steht, ist klar, wer gewinnt). Abdalla Abdelmajeed ist eine Rakete.
Es hieß im Vorfeld, mit ihm würden Sie auf eine 35er Zeit hoffen. Hehe. Ja, klar. Ich gehe bei mir kaum von einer zeit um die 50 aus…. 55 vielleicht, alles darunter wäre großartig. Aber für Abdalla sollte das möglich sein.

Kurz vor 16 Uhr.
Wir zählen gemeinsam runter und es geht los. Ich stehe ungefähr in der 4. Reihe, der ca. 130 angemeldeten Läufer/innen. Das klingt zwar etwas sehr weit vorn, aber es zeigt sich, dass ich ganz gut mithalten kann. Zumal in 4 Reihen ja auch gut 20-30 Leute stehen können.

Dann starten wir durch!

Der erste Anstieg
Nach einer viertel Sportplatzumrundung geht es auf einen kleinen Weg, der schlängelt sich rund 500m relativ eben durch den Wald, um dann ordentlich an Höhe zu gewinnen. Der erste Anstieg. Wie bei von Höhenmeterkurve angedroht.

Ich lasse ein bisschen das Tempo sein – ich hab mich eh ganz schön mitreißen lassen (4:14 auf den 500m bei diesem Terrain ist, auch wenn es recht eben sein sollte, schon ein bisschen hoch gegriffen für mich). Naja, was soll’s.
Rechts und links überholen mich ein paar Jungspunde. Jaja. Die Jugend.

(Ich habe mir die Höhenmeter vorher angeschaut – die auch?)

Ich erlaufe diese ersten 35 HM (auf 500m) recht locker – es wäre auch schlimm, wenn nicht. Dann geht es erst einmal ordentlich bergab.
Der Weg schlängelt sich immer noch durch das Wäldchen und später gibt’s einen steinigen Feldweg, der anschließend in eine geteerte Straße übergeht.
Und ich sacke alle die Jungspunde wieder ein. Denn um hier zu Laufen, muss man von Stein zu Stein dribbeln, dass kann ich. Das habe ich hinreichend geübt.
Viele der Anderen staksen hier eher unsicher herum und trauen sich nicht vernünftig zu laufen und man erkennt deutlich, wer solche Strecken kennt und wer sich sonst eher auf der Straße aufhält. Erstaunlich, ich hätte nicht gedacht, dass man die Unterschiede in der Trailerfahrung derart stark wahrnehmen kann.

Nicht ganz bei Kilometer 2 biegen wir auf eine ebene Straße ein und nach weiteren 200m soll es richtig zur Sache gehen. Bis hier her bin ich mit einer 04:45 min/km im Schnitt unterwegs. Das ist gut. Sehr gut.
Aber Ich weiß: Das Schlimmste kommt noch.

Hin zum Hüggel
Nun sind wir auf Feldwegen unterwegs. Der nächste Anstieg kommt und ich tue mich schwer darin, ihn laufend zu nehmen. Mein Puls steigt auf 92%. Um mich herum hören reihenweise Leute auf zu laufen. Das übt einen gewissen Sog aus und produziert den Wunsch es ihnen gleichzutun. Aber ich schaffe es tatsächlich dem zu widerstehen.
Ich laufe weiter. Auch, weil ich die Kuppe des aktuellen Hügels nun sehe und weil es danach offensichtlich wieder bergab geht.

Oben auf der Kuppe schreiben wir erst Kilometer 2,6 und ich bin schon am Ende – verdammt!

Aber ich hoffe darauf, dass es nach 5 Kilometern erst eben wird (also, was man bei dem Kamm des Hüggels so eben nennt) und dann nur noch bergab geht.
Ich bin gespannt, ob der Plan funktioniert, auf den ersten 5 km alle Kohlen zu verfeuern, weil man anschließend ins Tal rollen will, ohne Feuer… Derzeit kommt es mir wahnwitzig vor.
Darüber kann ich mir später Gedanken machen. Nun finde ich, im Ansinnen auf den 5. Kilometer, dass man die 2,4 km bis dorthin noch in diesem Modus laufen kann und dann werde ich schauen was geht. Immerhin ist oben auf dem Hüggel quasi mein Zuhause.

Nach diesem Anstieg geht es tatsächlich ein paar hundert Meter bergab und mein Körper schafft es, sich im Lauf ein wenig zu erholen und das gleißende Gefühl, das mein Hirn und meine Beine matschig werden lassen will, gibt sich wieder und es fühlt sich fast wieder wie laufen an, was ich da treibe. (Wir befinden uns bei Kilometer 3.)

Die nun kommenden Anstiege sind erst einmal nicht mehr so lang und des gelingt mir, sie sowohl laufend zu bewältigen als auch, dass es nicht mehr so schlimm wird wie eben, denn noch einmal mag ich das nicht haben – zumindest jetzt noch nicht.

Endlich (eigentlich mag ich nicht “endlich” denken, denn jetzt kommt der fieseste Anstieg), also endlich kommen wir beim Gasthaus Jägerberg und am Silbersee und somit beim letzten Aufstieg zum Kamm an.
Wir schreiben genau den 4. Kilometer. Es liegt noch ein ganzer langer Kilometer vor mir, bevor das Leiden ein Ende hat… Hui. 😧

Bevor es richtig hochgeht, gibt es einen Verpflegungsstand. Ich greife mir ein Wasser, von dem ich einen Schluck trinke und mir den Rest über den Kopf schütte.

Also los!

Hoch auf den Kamm
Nun kommt der letzte Anstieg, – nicht der fieseste, nein, der letzte, hab ich mir überlegt und beginne ihn hochzulaufen. Ok, Ok es ist der fieseste.
Nach etwa 300 Metern habe ich den Eindruck, dass ich gehend nicht wesentlich langsamer wäre (das ist natürlich eine Illusion, aber auch eine gute Ausrede) also fange ich an zu gehen und weil der Mensch vor mir (der schon seit geraumer Zeit vor mir läuft) nicht wirklich an Abstand dazugewinnt, fühle ich mich bestätigt.
So gehe ich vielleicht 50 Meter. Das ist zwar nur kurz, aber danach fühle ich mich tatsächlich besser und bereit wieder zu laufen. Irgendwann biegen wir auf den Kamm. Denke ich.

Aber in Wirklichkeit biegen wir auf den Hang zum Kamm. Diesen Hang stürze ich während meiner privaten Läufe begeistert hinunter. Wie gesagt. Runter! Mist! Hoch, eignet der sich nur zur puren Quälerei… das hatte ich auch schon schon.

Ich weiß, es sind bestimmt noch 500 m, bis es hier so halbwegs eben wird und bis dorthin bleibt es elendig steil und wurzelig und steinig und… Ach ihr wisst schon. 🙄

Aber als ich auf meine Uhr blicke, sehe ich, dass das nach den Kilometern auch passt. Noch sind wir nicht beim 5. Kilometer und somit nicht oben angelangt – ich hatte mich einfach zu früh gefreut…

Also laufe ich weiter (was soll ich auch sonst tun).
Interessanterweise befinde ich mich nun auf einem Weg, den ich schon gefühlt hundertmal hoch (und auch runter) gelaufen bin. Das hat zur Folge, dass meine Füße den Weg anscheinend im Blindflug kennen und sich das Laufen trotz der Steilheit und trotz der Wurzeln weniger fies anfühlt. Auch weiß ich nach jeder Biegung, was als Nächstes kommt und so erscheint mir das Laufen hier tatsächlich ein Stück leichter als eben noch.

So laufe ich meinen Weg und spüre fast gar nicht, dass es so langsam nicht mehr steil ist und, wie ich meinen Vordermann aufhole.

Auf dem Kamm
Auf dem Kamm ist es nicht wirklich leicht zu laufen. Der gehört mit zu den anspruchsvollsten Trails, die ich kenne. Mit engen Kurven kurzen Aufs und Abs, die immer mit ziegelsteingroßen Granitsteinen und Wurzeln gespickt sind. Nicht leicht zu laufen, vor allem wenn man schon konditionell am Ende ist. Aber erstaunlicherweise erhole ich mich weiter und immer noch finden meine Füße den Weg, die richtige Wurzel, den richtigen Stein, es gibt kein Straucheln und keine Unsicherheit…
Ich kann sogar, an einer etwas breiteren Stelle, an meinem Vordermann vorbeiziehen und das Tempo verschärfen.
Bis zum Ende des Kamms (bei km 5,9) geht es mir wieder richtig gut und das Laufen mach – ja, tatsächlich – es macht richtig Spaß.

Dann biegen wir auf eine Wanderautobahn, die recht steil nach unten führt.

Der Abstieg
Nun geht es, so denke ich, nur noch bergab. Klar, ein paar kleine sanfte Hügelchen wird es geben, aber nicht mehr als ein-, zweihundert Meter und die sind eher flach.

Nun, erst einmal laufen wir vom Hüggel runter. Und zwar auf besagten Wanderwegen. Die nutze ich sonst nicht, sondern laufe hier querfeldein auf den Mountainbiketrails – aber die sind wohl zu cool für den Hagener Sportclub.

Diese langen platten Wege führen zu einer enorm hohen Pace und ich bekomme tatsächlich Seitenstiche. Bäh!
(Zumindest dachte ich, dass meine Pace hoch sei. Nun im Nachhinein muss ich feststellen, dass ich da nur 5:00 min/km gelaufen bin und das, obwohl es sehr bergab geht und die Strecke gut zu beherrschen war. Tja, so kann man sich täuschen.)
Vielleicht ist aber auch das Seitenstechen an dieser Fehleinschätzung schuld. Ich versuche bewusst und tief in den Bauch zu atmen, um dem Stechen Herr zu werden und das hilft tatsächlich. Zumindest wird der Schmerz nicht schlimmer.

Nach rund einem Kilometer heißem Abstieg wird es langsam wieder ebener und ich laufe…
Ja, ich laufe auf einen verdammten Berg zu!
Das kann doch nicht sein!
Aber es ist so.
Zwar laufen wir nun auf Straßen und Feldwegen – also was die Beherrschbarkeit angeht eher harmlos und es ist auch bei weitem nicht so steil wie auf den ersten 5 km, aber es geht fast durchgehend bergan und das die nächsten 1,3 Kilometer. Menno!

Erst bei Kilometer 8,18 kommen wir oben auf der Kuppe des Hügels (sagte ich Berg?) an und an einem Hof vorbei, wo ein Zuschauer mir verspricht, dass das nun wirklich der letzte Anstieg war.
Er sollte Recht behalten.

Nun wirklich hinab
Anschließend laufe ich bergab. Endlich.
Auf der Straße.
Wie schön das ist.
So gleichmäßig.
Die kleinen Freuden des Lebens.

Hinter mir höre ich Fußgetrappel. Ob das der Typ ist den ich auf den Kamm überholte? Keine Ahnung, ich drehe mich nicht um, aber ich laufe schneller – lasse raus was da noch so geht.

Das ist auch nicht schlimm, denn nun geht es quasi bis zum Sportplatz bergab und dann sind es noch rund 10 Meter auf der Aschenbahn ins Ziel. Da kann ich ruhig an meine allerletzten Reserven gehen.
Ich ziehe um die vorletzte Kurve und dann um die letzte auf die Aschenbahn und will links zum Ziel…
Aber verdammt! Da stehen Leute…

Ins Ziel
Viele Leute stehen da und die teilen mir mit, dass ich rechts abbiegen soll. Rechts und einmal um den Platz!

Nein! Das können die nicht machen, ich bin am Ende!
Wirklich!
Ich kann jetzt nicht noch 400m auf einer Bahn laufen.
Geht nicht!

Ich kann es natürlich doch.
Ich ergebe mich in mein Schicksal und renne um den Platz.
Ich renne um den Platz und tue das einsam und ohne das mich jemand überholt, da war nämlich niemand hinter mir.

Ich renne und denke die ganze 400m, dass ich jeden Moment zusammenbrechen werde.
Was ich aber nicht tue.
Nein, ich laufe erfolgreich ins Ziel und bin platt. (Ich laufe hier sogar mit einer Pace von 3:58 min/km um den Platz, kein Wunder, dass sich das so Scheiße anfühlte. 😵)

Im Ziel
Unter dem Zielbogen schaffe ich es die Uhr zu stoppen.
49:27 steht darauf.
Alter! Das ist schnell. Und obwohl meine Sinne versuchen sich von mir zu verabschieden – was ich ignoriere – freue ich mich über diese tolle Zeit.

War doch ein toller Lauf!

Als ich wieder halbwegs bei Sinnen bin, gehe ich zum Läuferverpflegungsstand und bekomme neben einem Weizen (in der Flasche, ohne doofen Plastikbecher) einen Beutel Läufertee – der tatsächlich ein “Run under the Sun” Etikett hat.
Nett!
Netter als eine Medaille, finde ich.

Ich esse noch eine Pommes – die habe ich mir verdient – und bleibe, um der Siegerehrung beizuwohnen – was waren da für schnelle Leute unterwegs!

Und fahre ziemlich zufrieden nach Hause.
Ein toller Lauf, aber nichts für Weicheier… 😊

10,04 km | 49:27 | 4:56/km | 87 % | 93 % | 258 HM | 302 W | 5 °C
https://runalyze.com/shared/4oqvj


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