Nachruf

Am 20.10.2001 schrieb ich:

Nachruf

– auf Einen, den es (fast) nicht gab

Jeder, der Philosophie [in Osnabrück] studiert oder aus anderen Gründen in die Nähe des Gebäudes 46 – des Philosophiesekretariates – kam, hat ihn sicher gesehen:

Ein Mann, ca. 180 cm, langer grauschwarzer Bart, grauschwarze Haare, unansehnlich, leise vor sich hin murmelnd. Ich sah ihn mal auf einer Bank sitzend, mal unter dem Balkon, mal in einem Gebüsch liegend – schlafend.

Wer den Versuch machte, mit ihm in Kontakt zu treten, ihm ein freundliches „Hallo“ oder „Schöner Tag heute“ zuwarf, konnte erleben, wie angstzerfressen ein Mensch sein kann:

Er riss die Augen auf, starrte und lief davon…

Eine Freundin erzählte mir, dass er einmal neben ihr und ihrem Hund an einer Ampel stand, und sagte: „Schöner Hund.“ Dieses Mal war es meine Freundin, die perplex staurrte und kein Wort herausbrachte, denn dieses waren die ersten Worte, die sie je aus seinem Mund vernahm…

Ich selbst habe nur wenige Male versucht ihn anzusprechen, ihn zu grüßen – mit dem eben beschriebenen Erfolg.

 

Später beschränkte ich mich darauf ihn zu sehen, meine Gedanken, meinen Gruß, nicht auszusprechen und weiterzugehen…

[…]

Dieser Mann, vielleicht 30 – 40 Jahre alt, ist nun gestorben.

Ich weiß nicht, was das ausmacht.

Wahrscheinlich wenig, denn niemand kannte ihn gut, jeder sah ihn zwar, die meisten gingen wahrscheinlich achtlos an ihm vorüber.

Ich will mich hier nicht in Spekulationen über ihn verlieren. Darum werde ich lediglich versuchen, einige Gedanken zu erfassen und ihnen Form zu geben:

Ich hatte sie wenn ich ihn sah. Meist war ich auf dem Weg zu meiner „Wohnung“ oder zu meinen „Freunden“. Ich war dabei meinen Tag zu vollenden. Er trat wahrscheinlich seinen Gang in den Unikeller [ein Kneipe] an, um dort einen Kaffe zu trinken (vielleicht bekam er ihn umsonst), um danach sein „Bett“ unter dem Balkon des Gebäudes 46 einzunehmen.

Was treibt mich über ihn zu schreiben? Was bringt mich dazu, Gedanken an diesen Menschen, außerhalb unserer Gesellschaft und doch in ihr existierend, zu verschwenden?

 

Jedes Mal, wenn ich ihn sah, ergriff mich eine große Hilflosigkeit. Ich war hilflos, weil er da stand, wo ich nicht war. Nicht sein wollte. Wir standen gleichsam in verschiedene Welten, die als eine existierten und dennoch nicht zu durchdringen waren. Er war dort wo ich nicht sein wollte. Und doch, mit nur ein bisschen Pech, war und ist es mir ohne weiteres möglich, in seine Fußstapfen zu treten und seiner Wege zu gehen.

Natürlich, jetzt mag mancher sagen, dass man sich nur ein wenig Mühe geben, nur halbwegs vorsichtig sein muss, und man läuft nicht so einfach Gefahr dort zu landen, wo dieser Mann war: außerhalb, ausgetreten, ausgestoßen.

Und doch – wer hat sie noch nicht gesehen, die vielen Männer und Frauen in Osnabrücks Innenstadt und am Bahnhof, die, die betteln oder die Zeitung „Abseits“ verkaufen….

 

Ich selbst kannte einmal einen Mann, Manni nannte er sich, ein Arbeitskollege von mir, ein weichherziger guter Mann, von der Straße kommend, aufgenommen von einer Frau die ihn liebte und er liebte sie. Doch war es nur ein kleiner Schritt für ihn wieder dort zu landen wo er herkam. Langsam, zuerst fast unbemerkt, fiel er in den Abgrund der sich Alkoholismus nennt, um dann, als es zu spät war, Frau, Kind und Job zu verlieren und zu spät zu bemerken: „Ich kann nicht ohne ihn, den Alkohol, und es kostet mich das Leben….“

 

Ich weiß nicht wem man die Schuld an solchen Schicksalen geben kann, doch es ist zu einfach sie nur bei den Betroffenen zu suchen. Denn es lässt sich leicht feststellen: Es sind zu viele Menschen, als dass jeder einzelne die Schuld daran tragen könnte zu sein, wo er sich befindet und was er ist.

Ich kann mir mittlerweile nicht mehr vorstellen, nachdem ich einige von „diesen“ Menschen kannte, dass sie es verdienen, ausgestoßen zu sein und im Rinnstein der Gesellschaft fortgespült zu werden, mittels Mechanismen, die es ihnen fast unmöglich machen zurückzukommen, den Absprung zu schaffen. Ist man erst einmal isoliert fällt es von Tag zu Tag schwerer sich gegen Menschen zu behaupten, in deren Antlitz man jeden Tag ein wenig mehr schrumpft. Ich bin mir mittlerweile sicher, das viele dieser Menschen – Obdachlose, Sandler, Penner, Säufer, Huren – nur dadurch anders sind, dass sie in ihren Herzen eine Spur zu weich geboren wurden und dadurch als krankhafte, nicht zu integrierende Menschen gelten, die es nicht Wert sind an unserem goldenen Zeitalter teilzuhaben.

Lebe wohl, Alter Mann und sei froh dass Du gestorben bist.

Klingt das zu zynisch?

Ergibt es Sinn, Zustände zu beklagen, die nun einmal so sind wie sie sind? Vielleicht nicht, vielleicht ist das aber auch die einzig mögliche Methode etwas zu erreichen, nämlich die, dass man immer wieder den Finger in die Wunde legt, um darauf aufmerksam zu machen, dass sie entzündet ist.

Manche Dinge sind kaum anders zu beschreiben, als mit einer gehörigen Portion Zynismus. Und, wenn ich jetzt, fünf Jahre später, auf die Straßen gehe, muss ich feststellen, dass es immer mehr Personen gibt, die Mülleimer durchwühlen, um ihr täglich Brot zu bekommen…

Ein Gedanke zu „Nachruf

  1. Marc

    Nein, es klingt nicht zynisch. Aber wenn ich jetzt feststelle, dass die meisten Leute -meiner Beobachtung nach- in den Mülleimern nach Pfandflaschen suchen und dass sie dies erst machen, seit der Dosenpfand eingeführt wurde. Das ist zynisch …

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